Prof. Dr. Herbert Gudjons

Prof. Dr. Herbert Gudjons
Universität Hamburg
Fakultät Erziehungswissenschaft


Gudjons - Handbuch Gruppenunterricht

www.beltz.de

Handbuch Gruppenunterricht

Weinheim 2003, 2. überarbeitete Auflage (Beltz)

Gruppenunterricht wurde lange Zeit (zu) hoch gelobt. Dem Boom der 70er Jahre (E. Meyer nennt bereits Anfang der 70er Jahre 500 Titel) folgte eine auffällige "Sendepause", es wurde still um den Gruppenunterricht. Zwar entstand in den 80er und 90er Jahren durchaus praxisrelevante Literatur, aber die wissenschaftliche Forschung nahm sich des Themas Gruppenunterricht kaum an. Erst in jüngster Zeit mehren sich Forschungsarbeiten, die die Thematik vor allem auch empirisch untersuchten (z. B. Dann/Diegritz/Rosenbusch 1999, A. Huber 1999, für den anglo-amerikanischen Raum Cohen 1994, Johnson/Johnson/Holubec 1994, Slavin 1995) und schulpraktische Konsequenzen entwickelten (G. L. Huber 1993, Nürnberger Projektgruppe 2001).

Vermutlich liegt die Funkstille um den Gruppenunterricht daran, dass man sich an einen grundlegenden Widerspruch langsam gewöhnt hatte. Auf der einen Seite galten theoretisch die Vorzüge der Gruppenarbeit nahezu als unbestritten, auf der andern Seite führt der Gruppenunterricht in der schulischen Wirklichkeit bis heute immer noch ein Schattendasein. Daran ist man gewöhnt: Theorie und Praxis klaffen eben auseinander...

Das vorliegende Buch geht diesem Widerspruch nach und versucht gleichzeitig, überzeugende Perspektiven für diese Sozialform des Unterrichts zu markieren. Nach Jahren der Euphorie ist heute eher Vorsicht angezeigt, ja Skepsis gegenüber allzu hoch geschraubten Erwartungen in Richtung Soziales Lernen, Demokratisierung des Unterrichts und Effektivierung unterrichtlicher Arbeit. Es geht um eine kritische Bilanz, die hilft, Erwartungen und Erfolge zu sortieren und dennoch Mut macht, das alte und zugleich hochmoderne Konzept des Gruppenunterrichts neu zu durchdenken und zu praktizieren.

Deshalb verbindet dieses Handbuch klassische Texte mit aktuellen Überlegungen und Erfahrungen. Ein Handbuch will eine grundlegende Orientierung geben und zugleich in Kurzform in die gegenwärtigen Probleme einführen.

Am Anfang steht daher eine Einführung in die Grundfragen des Gruppenunterrichts durch den Herausgeber. Es folgen Überlegungen, wie Gruppenunterricht heute begründet werden kann: Wolfgang Klafki tut dies, indem er erziehungswissenschaftliche Argumente zur Demokratisierung und Humanisierung von Schule entwickelt und die Möglichkeiten des Gruppenunterrichts in diesem Kontext verortet. Reinhard Fuhr, theoretisch wie praktisch ausgewiesener Autor, führt den Gruppenunterricht in die Bastion der Schulzwänge dennoch als trojanisches Pferd ein.

Gruppenunterricht wurde darüber hinaus wesentlich bereichert durch Forschungen zur Psychologie und Soziologie der Gruppe; ausgewählte Aspekte enthält das zweite Kapitel mit einem Überblick über Gruppenkonzepte (G. Hörmann), gruppendynamischen Hilfen für Kleingruppen (W. Pallasch) und einer (in der zweiten Auflage neuen) umfassenden empirischen Forschungsarbeit zum Gruppenunterricht im Alltag (Dann/Diegritz/Rosenbusch).

Was nützen aber Grundsatzüberlegungen ohne praktische Anregungen für die Wirklichkeit des Unterrichts? Didaktische Fragen der Gruppenarbeit - bis hin zu konkreten Handlungsvorschlägen - stehen im Mittelpunkt des dritten Kapitels: W. Denecke/E. Ritz spüren die entscheidenden Praxisfragen der Planung, Durchführung und Auswertung auf; E. Meyer - Altmeister des Gruppenunterrichts - gibt Hilfen für geeignete Instruktion von Gruppen, von denen der Erfolg der Arbeit weitgehend abhängt; H. Meyer regt mit einer Fülle von Ideen zur methodischen Gestaltung an.

Das vierte Kapitel führt diese Impulse weiter liefert Berichte über durchgeführte (!) Beispiele. Dabei werden schwierige Schulstufen (wie die gymnasiale Oberstufe, E. Feustel, oder die Eingangsstufe, W. Boschmann) ebenso berücksichtigt wie die Grundschule (H. Kasper). Originelle kooperative Arbeitsformen wie Gruppenpuzzle und -rallye (S. Rotering-Steinberg) werden beschrieben. Die Spannbreite der Beispiele reicht von starker Lenkung durch Lehrerhilfen (Schäferhenrich/Stapper) bis zu weitgehender Schülerselbständigkeit (Vettiger). Die Beispiele wollen nicht einfach "nachgemacht" werden, sie sollen vielmehr zur kreativen Weiterentwicklung der eigenen Unterrichtspraxis anregen.

Aus der Fülle möglicher Arbeiten mußte im Rahmen des Umfangs eine strenge - und schmerzliche - Auswahl getroffen werden. Viele wichtige Beiträge zum Gruppenunterricht bleiben unberücksichtigt; das (in der zweiten Auflage erheblich erweiterte) Literaturverzeichnis gibt Anregungen zur Weiterarbeit. Es liegt dabei für den Herausgeber und langjährigen "Verfechter" des Gruppenunterrichts nahe, der zugleich Redaktionsmitglied der Zeitschrift PÄDAGOGIK ist, auf die zahlreichen Beiträge dieser Zeitschrift zurückzugreifen, die sich um eine praxisbezogene und zugleich theorieorientierte Innovation von Schule bemüht.

Für die zweite Auflage des Handbuches wurde vor allem die Einführung in Grundfragen inhaltlich erheblich umgearbeitet, aktualisiert und um neuere Literatur ergänzt. Ein weiterer Beitrag des Herausgebers wurde herausgenommen, um Platz zu gewinnen für neueste Forschungsarbeiten. Andererseits wurden die inzwischen "klassischen" Beiträge der ersten Auflage unverändert übernommen. Auf Wunsch des Verlages wurden sie allerdings der neuen Rechtschreibung angepasst.